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zum Nachdenken

Rezension

Rezension // Stacey Halls – Die Verlorenen

London 1754: Die junge Krabbenverkäuferin Bess hat sechs Jahre gespart, um ihre Tochter aus dem Foundling Hospital abholen zu können. Eine Einrichtung, in die sie damals ihr neugeborenes Baby geben musste, weil sie selbst nicht genug finanzielle Mittel hatte, um für sie zu sorgen. Doch nun muss sie erfahren, dass das Baby Nummer 627 bereits abgeholt wurde…doch von wem? Die Suche nach ihrer Tochter Clara beginnt….

Auf das Buch bin ich durch positive Äußerungen in diversen Buchforen aufmerksam geworden. Anfänglich war ich bei so viel Lob allerdings etwas skeptisch, doch das Buch hatte mich bereits nach ein paar Seiten gepackt: Die Handlung startet, als Bess gerade ihr neugeborenes Baby in das Foundling Hospital bringen muss. Die grausame Realität, der Alltag der Unterschicht und die Muttergefühle die Bess nach Abgabe ihres Babys zu unterdrücken versucht, lassen nur erahnen, wie hart das Leben damals war. Doch die Abgabe in das Heim sichert das Überleben und so spart Bess eisern, um die kleine Clara wieder auslösen zu können. Doch sechs Jahre später muss sie erfahren, dass das Kind abgeholt wurde. Beängstigend und erschreckend.

Durch einen Perspektivwechsel in einen Haushalt der Oberschicht erfährt der Leser von der Witwe Alexandra die eine sechsjährige Tochter namens Charlotte hat. Allerdings merkt man schnell; Alexandra führt kein normales Leben. Sie ist gefangen in ihren Ängsten und Misstrauen.

Der Leser stellt sich nun Seite um Seite die Frage, was geschah wirklich? Einige Schlüsselfiguren sind Dr. Mead, ein befreundeter Arzt von Alexandras verstorbenem Mann und Enkel des Gründers des Foundling Hospitals und Ambrosia, eine offene und freizügige Frau und Schwester von Alexandra.

Mehr verrate ich an dieser Stelle nicht. Doch Bess bekommt Gelegenheit und Unterstützung durch interessante Nebencharaktere herauszufinden, was geschehen ist. Nutzt auch die Chance und fiebert mit ihr mit. Durch die geschickten Perspektivwechsel fügt sich alles wie ein Puzzle zusammen.

Es ist doch erschreckend, wie die Zustände damals waren und das es mittlerweile durch soziale Systeme, Babyklappen und DNA Tests bestimmte Situationen wie diese nicht mehr geben muss. Ich vergebe 9 von 10 Punkten.

 

Verlag: Piper

erschienen: 2021

Seiten: 384

ISBN: 978-3866124950

Rezension

Rezension // Anne Barns – Bernsteinsommer

Konditorin Christina versteht die Welt nicht mehr. Aufgrund seiner Demenz verändert sich ihr Vater von Tag zu Tag. Als er eines Tages nach seinen Malutensilien fragt, findet Christina in seinem Arbeitszimmer Bilder, die er nicht gemalt haben kann. Auf der Suche nach deren Ursprung landet sie auf der Insel Rügen und erfährt ein bisher unbekanntes Stück Familiengeschichte.

Anne Barns bzw. Andrea Russo gehört bereits seit ihrem ersten „Insel-Roman“ zu meinen Lieblingsautorinnen. Mit ihrem Schreibstil entführt sie den Leser an Nord- oder Ostsee und führt sie dabei kulinarisch in Versuchung. Geschickt werden Familiengeheimnisse oder unentdeckte Teile der Familiengeschichte aufgedeckt. Dabei macht man literarische Ausflüge nach Rügen, Juist, Norderney und …

Dieses Buch ist aufgrund der Reisebeschränkungen in der Entstehungszeit in Hanau und Rügen/Hiddensee angesiedelt. Denn dort konnte die Autorin auf bereits gemachte Erfahrungen zurückgreifen. Dass Ihr diese Erfahrungen stets wichtig sind, merkt man beim Lesen an liebevollen Details. Für mich war dieses Buch wie „raus an die frische Meerluft“. (Gott sei Dank, trägt die Covergestaltung nun wieder dazu bei, da der Verlag zwischenzeitlich bei der Auswahl daneben gelangt hat und den Flair mit den modernen Grafiken einfach nicht einfangen konnte.) Für mich war aber dieses Buch noch viel mehr….es war ein Rückblick…warum? Christinas Vater leidet an Demenz und kann seiner Tochter nicht mehr den Start in ihre Recherchen ermöglichen. Die Krankheit nimmt Tag für Tag einen Teil seiner Persönlichkeit und führt dazu, dass er die Fragen seiner Tochter nicht mehr beantworten kann. Für viele ein zu schweres Thema für Unterhaltsliteratur. Für mich aufgrund der Demenz meines eigenen Vaters bis vor kurzem ein Stück Realität. Einige Szenen sind durchaus in ähnlicher Form passiert und die ersten drei Kapitel waren für mich reinster Taschentuchverbrauch. Doch es hat mir gut getan. Vielleicht bekommen so auch Nichtbetroffende Einblicke in diese zerstörerische Krankheit. Danke Andrea für das gefühlvolle Abbilden dieser Krankheit, die das Buch keinesfalls überschattet.

Christina findet Bilder eines unbekannten Malers im Arbeitszimmer ihres Vaters und vermutet deren Ursprung bei der entfernten Verwandtschaft auf Rügen. Um den Kopf für ein paar Tage frei und sich Klarheit für ihre überraschend neue Liebe zu bekommen, reist sie spontan nach Rügen.

Wundervoll. Was braucht man mehr als frische Meerluft und Kuchen? Denn die entfernte Verwandtschaft ist die bereits bekannte Thea, die Nachbarin der drei Schwestern am Meer und die backen gern.

Wer die anderen Bücher nicht gelesen hat, wird hier übrigens keine Probleme haben, in die Handlung zu finden. Man wird lediglich neugierig und wird vermutlich die anderen Bücher auch schnell lesen wollen.

Die „Rügener Truppe“ sorgt für viel Charme in der Handlung. Man bekommt sofort Appetit und möchte sich mit an den Tisch setzen und schmausen und klönen.

Warum es dieses Mal im Anhang nicht nur Rezepte, sondern auch Gedichte gibt und warum es von Rügen nach Hiddensee ging, welche Rolle Bernstein in dem Buch spielt und welche „echte Person“ noch einen Auftritt in dem Buch hat und ob Christinas Liebe eine Chance bekommt, müsst ihr selbst herausfinden. Für mich steht jedenfalls fest, ich möchte auch mal nach Hiddensee und der Reiz, mal zum Pinsel zu greifen und mich mal an einem Aquarell- oder Ölbild zu versuchen, wird aufgrund der Schilderungen immer größer. Ich vergebe volle Punktzahl für dieses Herzensbuch.

 

Verlag: Harper Collins

erschienen: 2021

Seiten: 384

ISBN: 978-3749900206

Rezension

Rezension // Cornelia Franz – Calypsos Irrfahrt

Sommerferien auf einem Segelboot auf dem Mittelmeer; das mag für uns toll klingen, jedoch gibt es für den kleinen Oscar tatsächlich nichts Langweiligeres als seinen Eltern beim Segeln zu zugucken. Er wäre lieber in einem Fußballcamp mit seinem besten Freund. Als sie eines Tages die beiden Flüchtlingskinder Nala und Moh aus dem Wasser fischen, ändert sich alles.

Als ich den Klappentext dieses Kinder- und Jugendbuches las, habe ich mich tatsächlich angesprochen gefühlt: Was würde man selbst tun? Wie würde man die Probleme der Flüchtlinge dem eigenen Kind erklären?

Cornelia Franz schildert die Situation auf dem Boot in einem einfachen verständlichen Schreibstil ohne dass ich mich als erwachsener Leser gelangweilt hätte.

Oscar vertraut seinen Eltern in kindlicher Bedingungslosigkeit. Er erwartet aufgrund des glücklichen Eltern-Kind-Verhältnisses, dass diese sich um alles kümmern. Die Hautfarbe und die Gründe für die Flucht von Nala und Moh sind für ihn genauso unwichtig, wie die sprachlichen Barrieren. Es ist wichtiger neue Spielgefährten zu haben und diese in die Regeln des Uno-Spiels einzuweihen. Dass dieses Kartenspiel und der Tuschkasten beinahe therapeutische Wirkungen haben werden, hätte keiner erwartet.

Die Sorgen und Nöte von Nala und Moh werden teilweise kursiv als interner Dialog zwischen den beiden dargestellt, da sie sich ja sprachlich noch nicht voll in die Handlung einbringen können. Dies wurde geschickt gelöst.

Nach dem anfänglichem Enthusiasmus hätte keiner gedacht, dass sich keiner für die beiden Kinder zuständig fühlt. Oskars Eltern sehen zwar die Verantwortung gegenüber den Flüchtlingskindern, wollen diese aber gern wieder abgeben. Doch sie scheitern bereits an den Hafenmeistern verschiedener Häfen. Die Kinder dürfen nicht von Bord und keiner möchte entlang des Mittelmeers neue Flüchtlinge aufnehmen.

Die Problematik wird für Kinder verständlich beschrieben, so dass ich der Altersempfehlung ab 10 Jahren zustimmen würde, sofern ein Erwachsener aufkommende Fragen beantworten kann. Es ist kein einfaches Thema und der junge Leser sollte damit vielleicht nicht völlig allein gelassen werden.

Ohne zu Spoilern möchte ich jedoch an dieser Stelle sagen, dass das Ende zwar einem Kinder- und Jugendbuch gerecht wird, jedoch aufgrund meiner eigenen beruflichen Erfahrungen nicht der Realität entsprechen kann. Auch finde ich den Plan der Kinder in Hinblick auf mögliche Nachahmer bedenklich. Daher vergebe ich 8 von 10 Punkten.

 

Verlag: Carlsen

erschienen: 2020

Seiten: 144

ISBN: 978-3551555199